Seal, wer hätte das gedacht?


Ich auf keinen Fall. Es passierte in diesem drei-wöchigen Workshop von dem ich euch in Der Anfang einer Liebesgeschichte erzählte. Viele der Teilnehmer erlebten zu dieser Zeit Durchbrüche und fast mit jedem Tag ereignete sich ein weiterer. Nur meiner lies sehr lange auf sich warten – so fühlte es sich zumindest für mich an. Ich war neidisch, neidisch auf das Weinen der anderen. Ja, ihr lest richtig, ich war neidisch auf das Weinen der anderen. Ich wollte auch zur erlauchten Gruppe derjenigen gehören, die endlich verstanden haben was mit ihnen verkehrt ist. Die Teilnahme an dem Workshop war für mich ja nicht nur der Ruf des Universums, sondern auch gefühlt mein letzter Strohhalm.

Nach außen lies ich mir nichts anmerken, aber innen sah es anders aus. Frust, den ich nicht zeigen wollte, Traurigkeit, die ich versuchte zu verbergen und große Ratlosigkeit. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich in meinen Gedanken zum Schluss kam: „Naja, dann ist es halt so.“. Gleichzeitig kam aber dann mein innerer Wille doch wieder stark genug zum Vorschein und trotzte: „Nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Du kannst das nicht akzeptieren.“. Ich isolierte mich sehr oft von meinen Weggefährten. Ich fühlte mich nicht danach am Pool zu planschen, Witze zu reisen und gute Laune vorzutäuschen. Darin war ich nämlich schon Weltmeister, aber authentisch sein, keine Maske aufzusetzen, das fiel mir sehr schwer. So verbrachte ich in unseren Pausen sehr viel Zeit mit mir selbst, liegend in der Hängematte, die Natur anstarrend. Oft überkam mich dann so ca. eine halbe Stunde vor der nächsten Einheit die Angst. „Oh mein Gott, was wird wohl die nächste Herausforderung?“. Im Prinzip war jede Einheit eine Challenge und die größte Angst hatte ich immer davor, keinen Partner für die nächste Übung zu finden. Aus diesem Grund hoffte ich immer auf Gruppenübungen, die jeder individuell für sich macht oder auf Transformationszirkel, in denen ich nicht immer im Mittelpunkt stand und mit meinen Ängsten kämpfen musste.

An jenem Tag als Seal sich mir erbarmte schien die Sonne. Das war nicht immer so, denn es war gerade erst das Ende der Regenzeit in Nicaragua und so wechselten sich Sonne und Regen noch mehr oder weniger regelmäßig ab. Nach der morgendlichen dynamischen Meditation nach Osho, ein paar Happen Yoga, dem leckeren Frühstück und einer erfrischenden Dusche schlenderte ich über den noch feuchten, erdigen Waldweg hoch zum Jungle Haus (einer der zwei Tempel in Inanitah). Einige der anderen Teilnehmer saßen schon an einem Platz und schrieben noch ein paar Zeilen in ihr Journal. Damals sah ich noch keinen Sinn darin, meine Gedanken aufzuschreiben und so suchte ich mir einfach ein Meditationskissen im Kreis und setzte mich. Als alle da waren eröffnete Gaia den Zirkel. Das bedeutete meistens Augen schließen, ankommen und reinhören. Nach dem wir die Augen wieder öffnen durften endete Gaia mit den für mich seither magischen vier Wörtern: „Quick one word check-in.“. Jeder sollte mit einem Wort sein Gefühl ausdrücken. Dieser Tage mache ich das für mich selber sehr gerne im Stillen. Es hilft mir immer wieder zu prüfen wie nahe ich an mir dran bin. Wenn es nicht greifbar ist, dann versuche ich direkt oder später mehr Zeit zu finden um Klarheit darüber zu erlangen. Vor einigen Jahren überforderte mich die Frage „Wie fühlst du dich?“ noch sehr. Gut und schlecht bzw. Abstufungen davon war so ziemlich alles was meine Gefühlslandkarte hergab.

Nachdem wir einmal die Runde gemacht hatten, begann Gaia zu erklären was wir als nächstes machen würden. Sie sagte: „Nehmt euch jeder eine Augenbinde und sucht euch einen Platz. Ich werde euch Musik vorspielen und ihr dürft dazu tanzen. Spürt rein und lasst die Bewegungen ganz von alleine entstehen.“. Mir fiel ein Stein vom Herzen. „Puh, Schwein gehabt. Tanzen kann ich und Partner muss ich mir auch keinen suchen.“. Gaia als Djane führte uns durch die unterschiedlichsten Genre. Von dunkel bis hell war alles dabei. Als der Wechsel auf Schnulze vollzogen war, spürte ich wie irgendetwas in mir passiert. Vielleicht kennt ihr das ja auch. Es sind so kleine Vorboten, die das Weinen ankündigen. Immer wieder war ich kurz vorm Ausbruch und obwohl ich es ja kaum erwarten konnte endlich auch zu weinen, wehrte ich mich dagegen. Total Paradox. Auf der einen Seite war ich total neidisch, dass viele ihren Durchbruch erlebten und auf der anderen Seite kämpfte ich mit aller Kraft dagegen an den Durchbruch zuzulassen. Die Angst nicht der fehlerfreie, perfekte Oliver zu sein war sehr groß und noch nicht bereit der Realität zu weichen. Doch dann war es soweit. Die Melodie des nächsten Liedes schlich ganz langsam in mein Ohr. Ich wusste ich kenne das Lied, ich habe es vermutlich schon hundertfach gehört. Die geballte Ladung Gefühl explodierte und sprudelte aus mir. Ich sackte zu Boden, Tränen sprossen aus meine Augen und tränkten die Augenbinde in salziges Nass. Zurückhalten war nicht mehr möglich und ich weinte. Ich fühlte immense Traurigkeit und gleichzeitig eine unbändige Empathie mir selbst gegenüber. Ich lies es einfach passieren. Verstehen konnte ich es nicht, logisch erklären konnte ich es nicht, aber das Gefühl, wenn die Traurigkeit weicht und Empathie dich von innen erfüllt, es ist etwas wunderschönes. Plötzlich muss man nichts mehr beweisen, man muss nichts sagen, nichts erklären, einfach nur akzeptieren, Gefallen am Weinen finden. Es waren sehr schöne Momente meines Lebens. Die Zeilen, die für mich sehr viel bedeuten und mich damals und heute noch immer sehr berühren sind:

I need love, love’s divine

Please forgive me, now I see that I’ve been blind

Give me love, love is what I need to help me know my name

Seal – Loves divine

Für mich sind diese Zeilen ein innerer Dialog und nicht vielleicht eine Entschuldigung an eine Partnerin. Was ich damit ausdrücken möchte ist, dass das was ich damals nicht verstehen oder logisch erklären, sondern nur fühlen konnte, das Begreifen der absolut unabdingbaren Notwendigkeit von Selbstliebe ist. Ich entschuldigte mich damals bei mir selbst dafür, dass ich nicht für mich selbst da war, mich nicht selbst geliebt habe.

Meine Empfehlung: Liebt euch selbst.


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